Die Verderber Familiengeschichte
Thomas Verderber war, das Datum kann man feststellen, am 12. oder 13. Mai 1809, also 16 Jahre jung, in einer kleinen Ortschaft vor Wien mit ein paar Gulden Kapital, einer vollbeladenen Kraxe auf dem Rücken und einer tüchtigen Portion kaufmännischen Denkens im Kopf unterwegs, als ihn eine staubbedeckte Reiterabteilung überholte und zur Seite drängte. „Der Napolium kummt!“ raunten die verschreckten Menschen. Thomas, neugierig geworden, verblieb nahe der Straße, um den Mann, der so viel Gesprächsstoff abgab, aus nächster Nähe zu sehen. Die Abteilung war vorübergeritten, ein unscheinbarer Reiter, gefolgt von einem Trupp prächtig uniformierter Offiziere kam vorüber. – „Jetzt wird der Napoleon kommen!“ dachte sich Thomas. Aber es kamen nur noch einfache Soldaten, dann klar Troß. Thomas war es zum Weinen, als er erfuhr, dass der unscheinbare Reiter der große Napoleon gewesen war.

 

Dann kam er vor die Stadt, ein Zollwächter verwehrte ihm den Eingang, da seine Legitimation von der französischen Regierung in Laibach (heute Ljubljana – Anmerkung der Redaktion Verderber weltweit) ausgestellt worden war; solchen Personen war der Zutritt nach Wien verwehrt. Thomas erzählte später, er habe seine Kraxe auf ein vorüberkommendes Gefährt geworfen und sich, durch das Gefährt gedeckt, am Zollwächter vorbei in die Stadt begeben. Seine Brüder Josef, Leonhard und Johann betrieben einen Hausierhandel (Manufaktur- und Modewaren) mit dem Standort in Wien. Da Leonhard 1810 ausschied und sich in seinem Heimatdorf Nesseltal Nr. 7 der Landwirtschaft widmete, rückte der Jüngste, Thomas, am 21. Dezember 1793 geboren, an seine Stelle. Die drei Brüder, die ihre Gesellschaft auf den Besuch von Jahrmärkten ausweiteten, gründeten 1815 die protokollierte Firma „Gebrüder Verderber“. 1822 wurde der Hausierhandel ganz eingestellt, und der Verkauf fand ausschließlich auf Jahrmärkten statt. Die Reisen waren zwar beschwerlich, der Gewinn aber reichlich. In Retz, einer Stadt, die sie schon gut kannten, gründeten sie 1829 eine feste Betriebsstätte. Es war dies das spätere „Verderberhaus“ am Hauptplatz, das sie 1848 kauften.

 

Nach dem Tode des älteren Bruders (1842) wurde vereinbart, dass Johann den Einkauf in Wien und auswärtigen Vertretungen übernahm, Thomas hingegen die Leitung des Stadtgeschäftes in Retz. In richtiger Erkenntnis des vorzüglichen Produktes des Retzer Weinbaues wendete ihm Thomas seine volle Aufmerksamkeit zu, zumal sich auch seine Angehörigen in Nesseltal mit Weinhandel befassten. 1862 starb Johann Verderber, das gesamte Unternehmen ging in den Besitz von Thomas über. Im Handel, Weinbau und in der Landwirtschaft war er tätig, und das ohne eine ordnungsgemäße Schulbildung; aber sein Gedächtnis befähigte ihn zu umständlichsten Berechnungen und Kalkulationen. Außer den Realitäten in Retz besaß er sechs Häuser in Wien. Streng hielt auf den Weinhandel, und unverfälschten, goldenen Retzer Wein verfrachtete er mit dem Pferdefuhrwerk weit nach Norden und Osten, man sagt, dass er sogar bis Petersburg kam. Der echte Wein fand reißenden Absatz, so machte er nicht nur gute Geschäfte, sondern verhalf dem „Retzer“ zu einem guten Ruf. Auf der Rückfahrt kaufte er in den Webereigebieten der Sudeten Leinen, das er in Wien, wo er in den „Tuchlauben“ ein großes Warenhaus hatte, gewinnbringend verkaufte.


Zu seinem Hause in Retz gehörte ein Weinkeller mit einem Fassungsraum für 1000 Hektoliter. – In Retz verfügt noch heute jedes Haus über einen eigenen Keller mit Abgang vom Hause. Die Keller sind etwa 12 bis 16 Meter tief, mit Ziegeln gewölbt. Allerdings verlaufen auch viele Gänge, man nennt sie hier „Röhren“, einfach im harten Sand, oft weit über die Ausmaße der Häuser hinaus. Etwas wirklich Sehenswertes!

Das Leben im Hause des Thomas Verderber war patriarchalisch. Alle Angehörigen bildeten eine Familie, und die männlichen Bediensteten saßen mittags und abends am langen Tische im Speisezimmer. Der älteste der inzwischen nachgekommenen Brüder, der pensionierte Pfarrer Georg Verderber, nahm den obersten Platz ein. Nach seinem 1864 erfolgten Tode rückte Thomas an die erste Stelle, an seiner Seite saß die verwitwete Schwester Maria. Entsprechend der Dauer ihrer Dienstzeit reihten sich dann die Bediensteten. Auf den untersten Plätzen saßen die Lehrlinge, die dann im Laufe der Zeit aufrückten; so zum Beispiel Matthias Jonke, eine magere Hünengestalt („der große Mattl“), der sich bei Verderber ein bedeutendes Vermögen erwarb und als Pensionist nach Gottschee, in seine Heimat, zurückkehrte. Oder Josef Misson, der dann selbst ein Geschäft gründete; sein Sohn gehört mit seinem Buch „Der Naz“ zu den bekanntesten österreichischen Mundartdichtern. Zahlreichen Bediensteten verhalf Verderber zur Selbständigkeit, so Matthias und Georg Verderber in Retz,  Jakob Sontschitsch in Theras, Josef Hosp in Schrattenthal,  Alois Richter in Pulkau, Johannes Verderber in Großweikersdorf, Franz Krzandalsky in Wullersdorf, Eduard und Josef Verderber in Retz und Jakob Schmuck in Gnadendorf.


Thomas Verderber – ein Wohltäter
Auch in seiner Heimat war Thomas als Wohltäter bekannt. Von einer Verwandten, Maria Stonitsch (Mrirsch Mine) in Nesseltal, kaufte er das Haus und ’s Schtekhle (Nr. 34 und 35) und schenkte es der Gemeinde mit der Auflage, dass die Ortsarmen die Räume benützen und die Kirchgänger im Winter hier anwärmen dürfen. Die Kirche, die Feuerwehr und die Musikkapelle Nesseltal wendeten sich wiederholt um Unterstützung an ihren wohlhabenden Landsmann; sie baten nie umsonst. Den Maler Karl Meditz, einen Sohn seiner Verwandten Gertrud Verderber, verheiratete Meditz, förderte er tatkräftig. Und der „Judenbrunnen“ in Nesseltal erinnert mit seiner Inschrift an ihn: „Andenken an Thomas Verderber, Retz 1873“. Weiters legte er eine Stiftung von 10.000 Gulden zur Unterstützung der Ortsarmen an; 1918 ist das Geld in nichts zerronnen. Über all dies dürfte sein Testament nähere Aufschlüsse geben. Der große Wohltäter wurde zum Ehrenbürger von Gottschee ernannt.

Aus der Stadtchronik von Retz


An der Entwicklung des städtischen Gemeinwesens hat Thomas Verderber regen Anteil genommen. Die Einführung des Wochenmarktes, die Gründung der Sparkasse, der städtischen Feuerwehr und verschiedene gemeinnützige Einrichtungen fanden stets sein Wohlwollen. Daher war er sehr geachtet. Bis zu seinem Lebensende war er Präsident der Sparkasse, bis zum 90. Lebensjahr Mitglied der Stadtvertretung.
Im Jahre 1844 schleuderte ein mächtiger Sturm die Eisenfahne samt Knauf, Helmstange und Adler vom Rathausturm; mit 100 Gulden übernahmen die Verderber die Hälfte der Kosten zur Vergoldung des Adlers.
Am 25. Juli 1866 wurden die vier besten Pferde von preußischen Truppen requiriert, davon zwei vom Kaufmann Verderber.
Beim Weinkongress in Wien 1870 wurde der von der Stadt Retz gespendete Silberbecher dem Thomas Verderber zugesprochen und kam so nach Retz zurück. Als Kronprinz Rudolf auf einer Inspizierung durch Retz kam, wurde ihm aus diesem Becher Wein gereicht; seit dieser Zeit hieß er „Kronprinzenbecher“. Wo mag dieser Becher heute sein?

 

Thomas Verderber schenkte zum Straßenbau viele Klinkersteine, aber nicht nur deswegen, sondern vor allem wegen seiner sozialen Gesinnung wurde eine Straße in Retz nach ihm benannt. Thomas Verderber gab an, dass sein Geschlecht nicht aus Nesseltal, sondern aus Verderb, Gemeinde Mösel, stammt.


Es werden weitere Gottscheer Hausierer erwähnt, und zwar: Paul Janke (Jonke); Johann Stephandl, gebürtig aus Verderb, der am 12. November 1823 einen Inlandspass erhielt; Peter und Andreas Schuster, gebürtig aus Schlechtbüchel; Andreas Meditz aus Büchel; Deutschmann.
Der Stammvater der Retzer Verderber hieß Andreas Verderber; er dürfte ein Bruder des oben angegebenen Michael Verderber gewesen sein, dieser war also unserem Thomas Onkel. Andreas Verderber hatte 13 Kinder; folgende kamen nach Wien und Retz:
##Georg (4. August 1784 bis 22. Mai 1864), Pfarrer, in Retz begraben;
##Josef (15. Februar 1790 bis 1. Oktober 1842), Handelsmann, in Retz begraben;
##Johann (2. Februar 1792 bis 27. November 1861), Handelsmann, in Retz begraben;
##Thomas (19. Dezember 1793 bis 13. Mai 1886), Handelsmann, in Retz begraben;
##Maria (15. Jänner 1797 bis 29. Juli 1881), verehelichte Kraker, in Retz begraben.

 

Thomas Verderber war eingefleischter Junggeselle. Er habe nie Zeit gehabt, ans Heiraten zu denken, sagte er; überdies stifte das Weib nur Unfrieden und Zwietracht. Daher durften auch die in die Firma aufgenommenen Neffen nicht heiraten. Als aber der fromme und streng gläubige Katholik am 13. Mai 1886 starb, heirateten vier Neffen an einem Tage und wurden wahrscheinlich von Konsistorialrat und Dechant Anton Richter, einem Bruder, in Feldkirchen getraut.

 

Zur Namensfolge Verderber–Richter

Schon in den letzten Lebensjahren des Thomas Verderber half ein Richter, der Maria Kraker geheiratet hatte, in der Geschäftsführung aus; er sollte der Stammvater der Richter werden. Maria Kraker, deren Mutter Maria Verderber eine Schwester des Thomas war, heiratete einen Kraker, dem Namen nach ein Gottscheer. Während das Geschlecht der Verderber aus Verderb, Gemeinde Mösel, stammt und wahrscheinlich der Ortschaft den Namen gegeben hat, woraus zu schließen ist, daß sie sogenannte Ritterbürger, Erbbürger, Patrizier oder Bürger als Zeugen und Siegler waren, übten sie nach Mitteilung von Lm. OSR. (Steht vermutlich für Landsmann Oberschulrat) Matthias Schneller auch das Amt des Ortsrichters aus und trugen eine Halskette als Zeichen ihres Amtes, so kommt das Geschlecht der Richter aus Nordböhmen oder Sachsen. Der Stammvater war der Organist und Schulmeister Anton Richter, ein tüchtiger Mann, der in Nesseltal Maria Kraker, eine Tochter der Maria Kraker, geborene Verderber (wie oben angegeben eine Schwester des Thomas Verderber), heiratete. Der Ehe entsprossen zehn Buben; einer dieser zehn ist Karl Richter, derzeit Seniorchef der Firma Gebrüder Verderber in Retz.

 

Das Mausoleum im Friedhof Retz

Der Genealoge forscht auch immer wieder nach Grabinschriften. Als ich die schöne gotische Gruftkapelle auf dem Friedhof von Retz sah, war ich überzeugt, dass es nur jene der Verderber sein konnte. Ich öffnete die Tür, sah einen verhängten Raum und einen Katafalk in der Mitte: also eine Aufbahrungshalle! Ich zog Erkundigungen ein, es war wirklich die Gruft Kapelle der Verderber-Richter, die von der Familie der Stadt überlassen wurde, bis diese imstande ist, eine Aufbahrungshalle zu bauen. Beim dritten Besuch, als mir der Totengräber die Tücher von den Wänden zog, konnte ich die eingemauerten Marmortafeln studieren. Auf der ersten las ich:

Es sind zehn Tafeln mit zwölf Namen angebracht, ich habe sie alle festgehalten; allerdings würde es zu weit führen, wenn ich sämtliche Inschriften wiedergäbe. Nur so viel sei gesagt, dass der Familienname Verderber siebenmal, jener der Richter fünfmal aufscheint.

Auch die Familien Richter spielen im Gemeinwesen der Stadt Retz eine bedeutende Rolle.

 

1900 bis 1906 war ein Alois Richter Bürgermeister, er hat das Museum eingerichtet und wurde später mit dem Goldenen Verdienstzeichen dekoriert und zum Ehrenbürger ernannt.

 

Gegenwärtig führt ein Schwiegersohn des Karl Richter, Diplomkaufmann Herbert Stegmüller, mit Umsicht das Großhandelsgeschäft.

 

ÖFFNUNGSZEITEN: Montag bis Freitag von 7:00 bis 19:00 Uhr. Samstag von 7:00 bis 18:00 Uhr.

 

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